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Prävention

Öffentlich verantwortete Bildung, Erziehung und Betreuung verpflichtet sich auf den normativen Bezugspunkt eines Aufwachsens im Wohlergehen für alle Kinder und Jugendlichen, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft. Mit der gleichzeitigen Ausrichtung auf subjektive Selbstbestimmung und Gemeinschaftsfähigkeit steht diese fachliche Bezugsnorm in einem systemnotwendigen Spannungsverhältnis zu den funktionalen Erfordernissen moderner Gesellschaften, zu denen durchaus strukturell bedingte ungleichwertige Lebenschancen und auch ein gewisses Maß repressiv erzwungener Anpassung an herrschende Normen und Werte zu zählen sind.

Prävention als Leitorientierung pädagogischer Praxis steht weithin im Verdacht, dieses Spannungsverhältnis in Richtung gesellschaftlicher Anpassungszumutungen an die Subjekte aufzulösen und dabei die kritische Reflektion auf die Veränderbarkeit der angelegten (mittelschichtsorientiert-autochthonen) Normen zu wenig herauszuarbeiten. Vor allem das einseitig verhaltenspräventive „Fitmachen“ der Kinder und Jugendlichen – etwa für die Anforderungen von Schule – lenke den Blick weg von der Frage, wie z.B. Schule „kindfähiger“ gestaltet werden, und dazu befähigt werden kann, besser mit sozialmilieubedingt unterschiedlichen Lernausgangsbedingungen zurechtzukommen.

Mit der Schwerpunktverlagerung auf Primär- und Verhältnisprävention sowie der strategischen Ausrichtung auf Regeleinrichtungen wie Geburtskliniken, Kitas, Familienzentren, Schulen, Jugendberufsagenturen und Jobcenter (jenseits von Prävention als unter Haushaltsvorbehalt stehender ‚freiwilliger Leistung‘) lenken aktuelle Präventionsansätze den Blick derzeit wieder stärker auf eben diese Veränderbarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es ist nun vor allem die Aufgabe der Träger, Verwaltungen und Einrichtungen, eine institutions- und bereichsübergreifende Verzahnung („Präventionsketten“) zu bewirken, durch Niedrigschwelligkeit die Inanspruchnahme von Angeboten durch schwer erreichbare Zielgruppen zu befördern und beteiligungsorientiert ein bedarfsgerechtes und integriertes Unterstützungsnetz in Kommunen und Sozialräumen zu knüpfen.

Das ISA fühlt sich in seinem Arbeitsbereich Prävention diesem, an der Schaffung anregender Lern- und Lebensumgebungen im Nahraum orientierten Präventionsverständnis verpflichtet. Die Leitorientierung „Vom Kind her denken!“ drückt dies aus. Für die Soziale Arbeit impliziert dies, dass sie stets in Kooperation und Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern – Gesundheitsförderung, soziale Sicherungssysteme, Schule, Stadtplanung, Sport, Kultur etc. – planen und handeln muss, um so integrierte Handlungskonzepte zu erarbeiten. In den kommunalen Präventionsketten kommt dabei der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe eine wesentliche Koordinierungs- und Innovationsfunktion zu. Das Zusammenspiel bereichsübergreifender Präventionsnetzwerke mit der Linienorganisation von Trägern und Ämtern bildet in diesem Gestaltungsrahmen aktuell eine große Herausforderung im Bereich der Organisationsentwicklung, nicht zuletzt auch mit Blick auf die Jugendhilfeplanung.

Dem Arbeitsbereich zugeordnet sind aktuell das Projekt „Kommunale Präventionsketten Nordrhein-Westfalen“ (ehemals „Kein Kind zurücklassen!“), sowie die Fachbegleitung des österreichischen Schwesterprojekts „Vorarlberg lässt kein Kind zurück!“. Derzeit arbeitet die Landesregierung an einer umfassenden Präventionsstrategie, die auf den Ergebnissen des seit 2012 in NRW durchgeführten Landesmodellvorhabens aufbaut.